Randnotizen

Donnerstag, 11. Januar 2007

WEITERE GEDANKENSPIELE ÜBER "PRIVATE RYAN"

Oder: Warum Spielberg einen Film über den D-Day macht - und nicht über den Hürtgenwald

Ich zweifle nicht an den Einzelschicksalen, die in „Saving Ryan“ dargestellt werden, nicht an der Authentizität der Gefühle und der Echtheit der Charaktere.
Woran ich zweifle ist das Bild des Krieges, das der Film vermittelt. Diesen militärischen Heroismus, den er darstellt und an den ich nicht glaube – ich glaube nicht daran und hoffe, dass ich jenen Gefallenen und ihren Angehörigen damit nicht Unrecht tue, denn das will ich nicht, das war nicht meine Absicht und ist es nicht. Sie taten was getan werden musste, mit einem Mut und einer Entschlossenheit, die wohl nur jene verstehen können, die den Schrecken eines Häuserkampfes miterlebt und den Hauch des Todes unmittelbar gespürt haben. Aber woran ich immer denke – sei es bei „Saving Private Ryan“, bei „Platoon“, „Steiner“ – ist auch immer die Gegenseite und unseren Blick auf die Dinge. Darauf verweise ich auch kurz in der Rezension – Geschichte ist so komplex, so vielschichtig, so gefährlich. Wussten die Soldaten auf den Landungsbooten wirklich, was sie da taten? Wussten sie vom Holocaust, den schrecklichen Verbrechen, die sich östlich abgespielt hatten und abspielten? Wussten es die deutschen Soldaten, die den Angriff der Alliierten erwarteten? Sie waren genauso Soldaten wie die auf der Gegenseite. Nicht weniger gut oder schlecht, sondern einfach gleich Mensch.
Tatsächlich glaube ich, dass ich es mir mit meiner Frage, ob die gefallenen Soldaten immer noch Helden wären, wenn die Landung schief gegangen wäre, nicht zu einfach mache. Hätten die Deutschen den Krieg gewonnen – zum Glück kam es nicht so – wer wären dann die Helden vom 6. Juni gewesen? Rückblickend wird Geschichte von den Siegern geschrieben. Das ist immer so und wird immer so sein. Die Geschichte unternimmt erst Wertungen, wenn Ergebnisse auf dem Tisch liegen. Die Geschichtsmächtigkeit des Augenblicks, die Helden formt, daran glaube ich nicht.
In diesem Zusammenhang habe ich beim Schreiben der Rezension auch an die große Schlacht im Hürtgenwald gedacht. Eine Episode der Geschichte des zweiten Weltkrieges, die in Amerika auch heute noch gerne übergangen wird. Amerikanische Soldaten wurden in diesem dichten Waldgebiet mehrere Monate verheizt – grundlos. Der Kampf geriet ins Stocken, wurde zu einem Stellungskrieg wie es ihn seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr gab. Ohne Sinn und Zweck fielen hier in fünf Monaten zwischen 30000 und 40000 US Soldaten – Verlustzahlen, die nur vom Vietnamkrieg übertroffen wurden (und der dauerte 8 Jahre). Einem Krieg, der von der Ausrichtung mit dem Kampf im Hürtgenwald zu vergleichen ist. Die US Führung hatte nichts gelernt. Ernest Hemingway etwa, der ein glühender Kriegsbefürworter war, änderte in dieser „Todesfabrik“, wie er den Wald nannte, seine Meinung. Hier erkannte er, wie junge Männer sinnlos ihr Leben gaben, weil sie keine andere Wahl hatten.
Die Toten im Hürtgenwald sind Tote wie die von Omaha Beach – „Helden“ – aber sind sie nicht auch Tote wie die gefallenen Deutschen bei Stalingrad? Letztere dürfen keine Helden sein – sie hatten ebenso wenig eine Wahl wie die US Soldaten. Das ist der Grund, warum Spielberg einen Film über den D-Day macht und nicht den Hürtgenwald. An Hürtgenwald gibt es nichts Heroisches, nichts Glorreiches oder Ruhmreiches – dort gab es nur Dreck und Schnee und Tod. Er brachte den Krieg nicht weiter. Die toten US Soldaten, die dort gefallen sind – für wen haben sie es getan? Einen James Ryan? Nein. Sie taten es, weil sie Soldaten waren. Das ist das Einzige, was einem im Krieg übrig bleibt. Tod oder Leben. Die anderen Dinge – von denen Politiker oder Historiker berichten. Das „große Ganze“, die „gemeinsame Sache“. Ich frage mich – gab es so etwas für diese Soldaten wirklich?
Es gibt unzählige Filme, die das Thema "Krieg" besser behandeln als "Saving Private Ryan". Und manche sind nicht mal Kriegsfilme im eigentlichen Sinn des Wortes. „Hiroshima, mon amour“ beispielsweise. Ich hatte noch nie die Kraft den Film an einem Stück zu sehen, obwohl er unter 90 Minuten ist. Aber das menschliche Schicksal, das persönliche Leid, das er vermittelt, ist so überwältigend, dass es mir einfach die Sprache verschlägt. Ebenso „Im Westen Nichts Neues“. Lewis Milestone hatte nicht die cinematographischen Mittel wie Spielberg, dennoch vermittelt eine Minute seines Films das Soldatenschicksal besser als 170 Minuten „Private Ryan“. Es gibt viele andere Filme, die das tun, ohne uns ins Gemetzel zu werfen. „Paths of glory“ oder „Catch 22“ oder „Roma, città apperta“ – wer Letzteren gesehen hat, hat genug von Krieg – für immer.
Ich denke auch gerade an die vielen Tausend amerikanischen Soldaten, die sich zu dieser Sekunde im Irak aufhalten. Verteidigen sie nicht die gleichen Werte, wie ihre Vorgänger im zweiten Weltkrieg? Haben sie nicht einen Tyrannen besiegt? Ein Volk befreit (?)? Wofür sterben sie bei den unzähligen Selbstmordattentaten? Ob es ihnen je einer danken wird, ob je ein James Ryan an ihrem Grab stehen wird? An den Gräbern der gefallenen Soldaten von Vietnam steht er sicherlich nicht. Dort stehen nur Mütter, Väter, Freunde, Ehefrauen, Kinder. Und vielleicht nicht mal die.
Das gefährliche an einem Film wie „Saving Private Ryan“ ist, das er diesen Kriegen eine Legitimation gibt. Sie werden für eine „gerechte“ Sache ausgegeben und ausgetragen. Und manch einer dieser Soldaten mag wirklich dran glauben. Andere müssen es, weil sie keine andere Wahl haben. „Saving Private Ryan“ blickt zu wenig hinter die Dinge, ist zu einseitig, zu sehr fokussiert auf die Illusion vom Heldentod, den es nicht gibt. Er nimmt auch nicht, die "positiven" Aspekte des Krieges in den Blick: den Holocaust und andere schreckliche, menschliche Tragödien. Vielleicht muss er das auch nicht. Weil wir, die wir jetzt den Film schauen, die Geschichte kennen, die Hintergründe, den Schrecken, der sich östlich von ihnen abspielte. Wir wissen, dass der Kampf jener US Soldaten eine „gerechte Sache“ war. Eine Sache, die bereits im Gange war und aufgehalten werden musste. Aber deshalb ist Krieg noch lange keine "gute" Sache. Krieg ist nie eine gute Sache. Und "Saving Private Ryan" vermittelt eben jene Illusion.
Zu diesem Thema gibt es so viel zu sagen. Und dabei wurde schon so viel gesagt. Wenig hat sich geändert. Das ist nicht die Schuld von „Saving Private Ryan“ – es liegt wahrscheinlich am Menschen selbst. An dem, was er für gut und schlecht hält, für falsch und gerecht. Ich weiß es nicht. Aber wer weiß schon diese Dinge?
Der Text ist jenen Soldaten gewidmet, die zu jener Zeit ihr Leben ließen und dem Mahnmal, als das deren Tod, deren Opfer noch immer fungiert – wenn es bisweilen auch zu wenig „Mahnung“ bietet.

cms - Dienstag, den 09. Januar 2007

Sonntag, 5. März 2006

Die Zeit der Jecken

Langsam gehen die Lichter aus. Durch den Rauch erkennt man Bierdosen, Konfetti, Plastikbecher. Am Tresen sitzt noch einer. Die orangene Perücke ist ihm auf die rote Nase gerutscht. Er döst. Die Halle wird gekehrt. Morgen wird sie leer sein. Mit oder ohne betrunkenem Clown. Der Kehraus wird sie hinweggeweht haben die Luftschlangen und Traumwelten. Rednerpulte werden ihre alte, strenge Art zurückerhalten. Der Büroangestellte nicht länger Robin Hood, sein Chef nicht länger Phantom der Oper, die Sekretärin nicht länger Hexe sein. Die Zeit der Schauspiels ist vorbei. Die Schminke kommt zurück in den Schrank – bis nächstes Jahr. Neben die Fratzen, Masken und Kostüme. Für die einen ist die Zeit der närrischen Albernheiten vorbei. Von Alltagsstress und Arbeit eingeholt verfallen sie in Lethargie, Indifferenz und Depression. Die Helden der Nacht werden zu Marginalen der Gegenwart. Randexistenzen, verkümmert und unscheinbar, irgendwo zwischen Sozialamt und 0815.
Andere atmen auf. Endlich kann man abends beruhigt den Fernseher anschalten, ohne in der nächsten Sekunde von einem lauten Helau oder Humpahumpatätarä erschlagen zu werden. Von bunten und fröhlichen Gesichtern, die einen selbst im Traum noch einholen. Marschkapellen und schlechten Tanzgruppen, die einen jeglichen Glauben an dieses Land und seine Leute verlieren lassen. Auf die Straße trauen sich diese Leute ohnehin nicht mehr. Zu groß ist die Gefahr von einem Faschingszug überrollt oder einem Bonbon getroffen zu werden. Diese Leute denken nicht an Albernheiten, Jucks und Dallerei. Manch einer mag an die wirtschaftliche Lage denken. Andere sich über das Verkehrsnetz aufregen. Wieder andere nicht die Ideologie des Karnevals verstehen.
Welche Ideologie fragen sie sich? Eine angebrachte Frage. Gibt es eine Ideologie? Wen ja, wie sieht sie aus? Wie verbreitet sie sich? Dabei kommt es nicht darauf an die Frage nach halbleeren und halbvollen Gläsern zu stellen (im Übertragenen Sinne versteht sich, denn bei Karnevalssitzungen sind volle Gläser sehr schnell leer). Auch nicht nach dem Riss in der Hose und einem zusätzlichen Luftzug. Auch die Frage nach dem Ei und dem Huhn trifft die Sache vielleicht nicht in ihrem ganzen Umfang. Was war zuerst da? Dummheit, Albernheit oder Karneval. Das Kind im Mann, Geselligkeit oder Fasching.
Schwer zu beantworten. Karneval an sich ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Manch einer mag nun sagen, dass Karneval der Beweis dafür ist, dass der Mensch wirklich vom Affen abstammt. Bei genauerer Betrachtungsweise ist man wirklich geneigt dem zu glauben. Wie sie schreien und toben, lachen und poltern, trinken und tanzen und dabei den letzten Restverstand verlieren, die Jecken und Narren, die geschminkten Ballermänner und –frauen. Es gibt nicht wenige, die sich in dieser Zeit wünschen tibetanischer Mönch zu sein und dem ganzen Irrsinn zu entfliehen. Aber halt. Für diesen kurzen Augenblick erhält man Einblick in den Kopf des Jecken. Das Entfliehen, das Wegwünschen, das Wer-Anders-Sein, das Wo-anders-sein, dieser freiwillige Realitätsverlust – ist das vielleicht die Ideologie die die Menschen zu tausenden auf die Straße treibt, ganz bunt und betrunken? Wer sich das ganze Jahr an Regeln binden muss, der kann sich nun dem kollektiven Schwachsinn hingeben – ganz unverhüllt und ohne Scham.
Seien wir ehrlich. Wer würde das nicht selbst gern einmal tun? Wir sind doch alle Jecken. Und wers nicht ist, wird’s sicher werden. So wie Jürgen Klinsmann. Der ist für mich Jecke des Jahres. Der hat Karneval gefeiert als eigentlich schon alles vorüber war und manch einer noch mit den Nachwehen zu kämpfen hatte. Mit 11 roten Kümmerlingen. War ganz heiter hinterher. Machte gute Miene zum bösen Spiel. Er hat Karneval verstanden wie kein Zweiter.

cms

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