Die Zeit der Jecken
Langsam gehen die Lichter aus. Durch den Rauch erkennt man Bierdosen, Konfetti, Plastikbecher. Am Tresen sitzt noch einer. Die orangene Perücke ist ihm auf die rote Nase gerutscht. Er döst. Die Halle wird gekehrt. Morgen wird sie leer sein. Mit oder ohne betrunkenem Clown. Der Kehraus wird sie hinweggeweht haben die Luftschlangen und Traumwelten. Rednerpulte werden ihre alte, strenge Art zurückerhalten. Der Büroangestellte nicht länger Robin Hood, sein Chef nicht länger Phantom der Oper, die Sekretärin nicht länger Hexe sein. Die Zeit der Schauspiels ist vorbei. Die Schminke kommt zurück in den Schrank – bis nächstes Jahr. Neben die Fratzen, Masken und Kostüme. Für die einen ist die Zeit der närrischen Albernheiten vorbei. Von Alltagsstress und Arbeit eingeholt verfallen sie in Lethargie, Indifferenz und Depression. Die Helden der Nacht werden zu Marginalen der Gegenwart. Randexistenzen, verkümmert und unscheinbar, irgendwo zwischen Sozialamt und 0815.
Andere atmen auf. Endlich kann man abends beruhigt den Fernseher anschalten, ohne in der nächsten Sekunde von einem lauten Helau oder Humpahumpatätarä erschlagen zu werden. Von bunten und fröhlichen Gesichtern, die einen selbst im Traum noch einholen. Marschkapellen und schlechten Tanzgruppen, die einen jeglichen Glauben an dieses Land und seine Leute verlieren lassen. Auf die Straße trauen sich diese Leute ohnehin nicht mehr. Zu groß ist die Gefahr von einem Faschingszug überrollt oder einem Bonbon getroffen zu werden. Diese Leute denken nicht an Albernheiten, Jucks und Dallerei. Manch einer mag an die wirtschaftliche Lage denken. Andere sich über das Verkehrsnetz aufregen. Wieder andere nicht die Ideologie des Karnevals verstehen.
Welche Ideologie fragen sie sich? Eine angebrachte Frage. Gibt es eine Ideologie? Wen ja, wie sieht sie aus? Wie verbreitet sie sich? Dabei kommt es nicht darauf an die Frage nach halbleeren und halbvollen Gläsern zu stellen (im Übertragenen Sinne versteht sich, denn bei Karnevalssitzungen sind volle Gläser sehr schnell leer). Auch nicht nach dem Riss in der Hose und einem zusätzlichen Luftzug. Auch die Frage nach dem Ei und dem Huhn trifft die Sache vielleicht nicht in ihrem ganzen Umfang. Was war zuerst da? Dummheit, Albernheit oder Karneval. Das Kind im Mann, Geselligkeit oder Fasching.
Schwer zu beantworten. Karneval an sich ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Manch einer mag nun sagen, dass Karneval der Beweis dafür ist, dass der Mensch wirklich vom Affen abstammt. Bei genauerer Betrachtungsweise ist man wirklich geneigt dem zu glauben. Wie sie schreien und toben, lachen und poltern, trinken und tanzen und dabei den letzten Restverstand verlieren, die Jecken und Narren, die geschminkten Ballermänner und –frauen. Es gibt nicht wenige, die sich in dieser Zeit wünschen tibetanischer Mönch zu sein und dem ganzen Irrsinn zu entfliehen. Aber halt. Für diesen kurzen Augenblick erhält man Einblick in den Kopf des Jecken. Das Entfliehen, das Wegwünschen, das Wer-Anders-Sein, das Wo-anders-sein, dieser freiwillige Realitätsverlust – ist das vielleicht die Ideologie die die Menschen zu tausenden auf die Straße treibt, ganz bunt und betrunken? Wer sich das ganze Jahr an Regeln binden muss, der kann sich nun dem kollektiven Schwachsinn hingeben – ganz unverhüllt und ohne Scham.
Seien wir ehrlich. Wer würde das nicht selbst gern einmal tun? Wir sind doch alle Jecken. Und wers nicht ist, wird’s sicher werden. So wie Jürgen Klinsmann. Der ist für mich Jecke des Jahres. Der hat Karneval gefeiert als eigentlich schon alles vorüber war und manch einer noch mit den Nachwehen zu kämpfen hatte. Mit 11 roten Kümmerlingen. War ganz heiter hinterher. Machte gute Miene zum bösen Spiel. Er hat Karneval verstanden wie kein Zweiter.
cms
Andere atmen auf. Endlich kann man abends beruhigt den Fernseher anschalten, ohne in der nächsten Sekunde von einem lauten Helau oder Humpahumpatätarä erschlagen zu werden. Von bunten und fröhlichen Gesichtern, die einen selbst im Traum noch einholen. Marschkapellen und schlechten Tanzgruppen, die einen jeglichen Glauben an dieses Land und seine Leute verlieren lassen. Auf die Straße trauen sich diese Leute ohnehin nicht mehr. Zu groß ist die Gefahr von einem Faschingszug überrollt oder einem Bonbon getroffen zu werden. Diese Leute denken nicht an Albernheiten, Jucks und Dallerei. Manch einer mag an die wirtschaftliche Lage denken. Andere sich über das Verkehrsnetz aufregen. Wieder andere nicht die Ideologie des Karnevals verstehen.
Welche Ideologie fragen sie sich? Eine angebrachte Frage. Gibt es eine Ideologie? Wen ja, wie sieht sie aus? Wie verbreitet sie sich? Dabei kommt es nicht darauf an die Frage nach halbleeren und halbvollen Gläsern zu stellen (im Übertragenen Sinne versteht sich, denn bei Karnevalssitzungen sind volle Gläser sehr schnell leer). Auch nicht nach dem Riss in der Hose und einem zusätzlichen Luftzug. Auch die Frage nach dem Ei und dem Huhn trifft die Sache vielleicht nicht in ihrem ganzen Umfang. Was war zuerst da? Dummheit, Albernheit oder Karneval. Das Kind im Mann, Geselligkeit oder Fasching.
Schwer zu beantworten. Karneval an sich ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Manch einer mag nun sagen, dass Karneval der Beweis dafür ist, dass der Mensch wirklich vom Affen abstammt. Bei genauerer Betrachtungsweise ist man wirklich geneigt dem zu glauben. Wie sie schreien und toben, lachen und poltern, trinken und tanzen und dabei den letzten Restverstand verlieren, die Jecken und Narren, die geschminkten Ballermänner und –frauen. Es gibt nicht wenige, die sich in dieser Zeit wünschen tibetanischer Mönch zu sein und dem ganzen Irrsinn zu entfliehen. Aber halt. Für diesen kurzen Augenblick erhält man Einblick in den Kopf des Jecken. Das Entfliehen, das Wegwünschen, das Wer-Anders-Sein, das Wo-anders-sein, dieser freiwillige Realitätsverlust – ist das vielleicht die Ideologie die die Menschen zu tausenden auf die Straße treibt, ganz bunt und betrunken? Wer sich das ganze Jahr an Regeln binden muss, der kann sich nun dem kollektiven Schwachsinn hingeben – ganz unverhüllt und ohne Scham.
Seien wir ehrlich. Wer würde das nicht selbst gern einmal tun? Wir sind doch alle Jecken. Und wers nicht ist, wird’s sicher werden. So wie Jürgen Klinsmann. Der ist für mich Jecke des Jahres. Der hat Karneval gefeiert als eigentlich schon alles vorüber war und manch einer noch mit den Nachwehen zu kämpfen hatte. Mit 11 roten Kümmerlingen. War ganz heiter hinterher. Machte gute Miene zum bösen Spiel. Er hat Karneval verstanden wie kein Zweiter.
cms
Schliepi - 5. März, 12:58
