SAVING PRIVATE RYAN
Oder: Die große Illusion
Kaum ein anderer Kriegsfilm zieht den Zuschauer so hinein wie Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“. Man meint, dem Gemetzel beizuwohnen in all seiner scheußlichen Pracht. Von den ersten Momenten des Films an, der Landung an Omaha Beach. Die Landungsbrücke öffnet sich. Gewehrkugeln zischen vorbei, Granaten explodieren nur wenige Meter entfernt. Man ist betäubt vom Lärm und der Gewalt. Stumpft ab, rutschst unwohl hin und her – man möchte Schlucken, doch das ist einem schon längst vergangen. Vorne stürzt einer zusammen in Fontänen aus Blut, die den matten Sand rot färben. Einer kommt zurück, sammelt den Arm auf, den er verloren hat.
Wahrlich, man ist auf diesem Strand an einem der bedeutungsvollsten Tage der Geschichte, dem D-Day. Begleitet die mutigen Helden, die ihr Leben gaben an jenem 6. Juni 1944 – oder sollte ich sagen, den armen Schweinen, die dort zerfetzt und zerrissen wurden, nur um – ja, warum eigentlich? Das mag man sich fragen und Spielberg bleibt uns keine Antwort schuldig: eben, damit ein jeder von uns heute frei leben darf, damit die Geschichte den Weg nahm, den sie nahm. Nur muss man fragen: Waren sich die Soldaten der Tragweite ihres Opfers bewusst, der Geschichtsträchtigkeit des Augenblicks, des Todes? Geschichte ist nichts, was um seiner selbst willen geschieht. Sie wird gemacht, geschrieben von Menschen, sie wird, um es anders zu formulieren, als Geschichte ausgegeben. Nur das geschieht meist zeitversetzt, im Rückspiegel der Historiker. Die Landung hätte schief gehen können, bei Omaha Beach tat sie das fast – wäre der 6. Juni immer noch ein historischer Tag? Wären die Toten noch immer Helden? Hätte Steven Spielberg einen Film über sie gemacht? Und schon wird deutlich, wie zweischneidig die Feder der Geschichtsschreibung sein kein, wie Wertungen vorgenommen werden auf dem schmalen Grad, der Triumph und Misserfolg trennt, Märtyrer und Opfer.
„Saving Private Ryan“ ist kein Antikriegsfilm. Es ist ein Film über Krieg. Über Soldaten. Über die Pflicht eines Soldaten. Übers Sterben. Nur, und das ist das wahrhaft erschreckende an Spielbergs Film, dieses Sterben erhält eine Sinnhaftigkeit, eine Motiviertheit, legitimiert durch den weiteren Verlauf der Weltgeschichte. Bezeichnend beginnt und schließt er den Film mit einem Blick auf die amerikanische Flagge. Diese Soldaten, diese blutverschmierten Körper und Gliedmaßen, die er uns präsentiert, sie liegen da „for the greater glory of our nation, our freedom“. Die unzähligen, weißen Kreuze auf dem Arlington National Cemetery präsentiert er uns als seine stillen Zeugen. Nur diese Zeugen erscheinen anonym, nicht fassbar, weil sie in einem Meer von Leidensgenossen liegen – das gibt ihnen eine einzige, repräsentative Identität. Aber liegen da nicht tausende von Einzelschicksalen? Menschen, Individuen, mit Gefühlen, Ängsten, Zweifeln, Stimmen? Oder ist es auch die Pflicht eines Soldaten keine Identität zu haben?
Natürlich weiß Spielberg auch darauf eine Antwort. Er präsentiert sie uns in Form des Soldaten James Ryan – nur, damit gibt er nicht den Namenlosen ein Gesicht, sondern uns – James Ryan – das sind wir, wie wir da sitzen und dem mörderischen Treiben in die Fratze blicken. Um ihn spinnt sich der Plot des Films, der schnell erzählt ist. Captain John Miller (Tom Hanks) erhält den Auftrag mit seinen Männern den Soldaten Ryan (Matt Damon) auszumachen, einen Fallschirmspringer, der innerhalb einer Woche seine drei Brüder verloren hat. Sie sollen ihn zurückholen, er darf nach Hause, so das milde Urteil der US-amerikanischen Armeeführung – seine drei Brüder mussten ihr Leben geben, damit seines geschont wird. Also, macht sich Miller mit einem kleinen Trupp auf, um den Jungen aus dem Grauen zu holen, das sich inzwischen in der Normandie breit gemacht hat. Spielberg führt uns durch Verwundetenlager, zerbombte Städte, explosions-erhellte Nächte. Unterwegs lichtet sich der kleine Stoßtrupp, Soldaten bleiben tot zurück. Ihr Zweifeln ist präsent: „Ist Ryan all dies Opfer wert?“ Schließlich finden sie ihn, in einer Totenstadt aus Staub und ausgebranntem Mauerwerk. Nur Ryan will nicht gehen, er bleibt und tut seine Pflicht. Ein deutscher Sturmangriff wird erwartet. Die Brücke der Stadt, so das oberste Gebot, müsse unbedingt gehalten werden – bis zum letzten Mann. Bezeichnend heißt der letzte Rückzugspunkt „Alamo“. Hier sackt auch Miller getroffen zusammen, als die Schlacht scheinbar verloren ist. Doch dann kommen Tiefflieger, die Kavallerie, die Deutschen sind geschlagen. Und Ryan ist gerettet. Er hat überlebt, als einer der Wenigen. Miller beschwört ihn mit seinem letzten Atemzug: „Earn it“ – „Verdien es dir“, dein Recht zu Leben. Dein Leben, das durch unseres gekauft wurde. Abgewogen wurde von irgendwelchen Kartenstrategen und Figurenschiebern weit ab der Front.
In diesem Moment sind wir Ryan. In diesem Moment manifestiert sich die ungeheure Botschaft des Films – der Krieg, das Gemetzel erhält durch unser Leben eine Berechtigung. Nur kann man Leben gegen Leben stellen? Eines geben, opfern, um ein anderes zu ermöglichen? Spielberg wäre nicht Spielberg, wenn er Miller nicht daran zweifeln ließe. Doch die Art wie er diesen Zweifel wegwischt ist ernüchternd. Am Ende des Films steht der gealterte James Ryan am Soldatengrab Millers, inmitten der ohnmächtigen Masse von Kreuzen – natürlich nicht allein. Er hat seine Familie dabei. Seine Frau, seine Töchter, Schwiegersöhne und Enkelkinder. Seine Augen voll Tränen fragt er seine Frau, ob er ein guter Mensch war, ob er sich sein Leben verdiente.
Und was ist mit den Namenlosen, die da liegen und die Szene bilden, sie gleichzeitig stumm betrachten? Hatten sie ihr Recht zu leben verwirkt? Wer hat sie ihren Familien entrissen, ihren Frauen, Töchtern, Schwiegersöhnen, Enkeln? Die Antwort ist einfach: es war der Krieg, mit all seinen Schrecken und Grausamkeiten. Das Leid, das schlimme Schicksal dieser Menschen und ihrer Angehörigen wird für diesen Film benutzt, nein ausgebeutet, um etwas zu feiern, das es gar nicht gibt: ruhmreichen, militärischen Heroismus.
Noch erschreckender sind die Kritiker, die den Film feiern – als „besten Kriegsfilm aller Zeiten“ – als Mahnmal. Denn wer bitteschön will, nachdem er die Bilder in „Private James Ryan“ gesehen hat, noch freiwillig in den Krieg ziehen? – Wer? Viele brave und mutige Männer, die der Illusion erliegen, dass Krieg eine Legitimation hat, selbst wenn sie für ihn ihr Leben opfern müssen. Dass Krieg gerecht ist, solange er für eine gerechte Sache ausgetragen wird. Sie, die an die Lieder und Paraden und Phrasen glauben, vom Heldentod und dem Dienst fürs Vaterland.
cms - Montag, den 08. Januar 2007
Kaum ein anderer Kriegsfilm zieht den Zuschauer so hinein wie Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“. Man meint, dem Gemetzel beizuwohnen in all seiner scheußlichen Pracht. Von den ersten Momenten des Films an, der Landung an Omaha Beach. Die Landungsbrücke öffnet sich. Gewehrkugeln zischen vorbei, Granaten explodieren nur wenige Meter entfernt. Man ist betäubt vom Lärm und der Gewalt. Stumpft ab, rutschst unwohl hin und her – man möchte Schlucken, doch das ist einem schon längst vergangen. Vorne stürzt einer zusammen in Fontänen aus Blut, die den matten Sand rot färben. Einer kommt zurück, sammelt den Arm auf, den er verloren hat.
Wahrlich, man ist auf diesem Strand an einem der bedeutungsvollsten Tage der Geschichte, dem D-Day. Begleitet die mutigen Helden, die ihr Leben gaben an jenem 6. Juni 1944 – oder sollte ich sagen, den armen Schweinen, die dort zerfetzt und zerrissen wurden, nur um – ja, warum eigentlich? Das mag man sich fragen und Spielberg bleibt uns keine Antwort schuldig: eben, damit ein jeder von uns heute frei leben darf, damit die Geschichte den Weg nahm, den sie nahm. Nur muss man fragen: Waren sich die Soldaten der Tragweite ihres Opfers bewusst, der Geschichtsträchtigkeit des Augenblicks, des Todes? Geschichte ist nichts, was um seiner selbst willen geschieht. Sie wird gemacht, geschrieben von Menschen, sie wird, um es anders zu formulieren, als Geschichte ausgegeben. Nur das geschieht meist zeitversetzt, im Rückspiegel der Historiker. Die Landung hätte schief gehen können, bei Omaha Beach tat sie das fast – wäre der 6. Juni immer noch ein historischer Tag? Wären die Toten noch immer Helden? Hätte Steven Spielberg einen Film über sie gemacht? Und schon wird deutlich, wie zweischneidig die Feder der Geschichtsschreibung sein kein, wie Wertungen vorgenommen werden auf dem schmalen Grad, der Triumph und Misserfolg trennt, Märtyrer und Opfer.
„Saving Private Ryan“ ist kein Antikriegsfilm. Es ist ein Film über Krieg. Über Soldaten. Über die Pflicht eines Soldaten. Übers Sterben. Nur, und das ist das wahrhaft erschreckende an Spielbergs Film, dieses Sterben erhält eine Sinnhaftigkeit, eine Motiviertheit, legitimiert durch den weiteren Verlauf der Weltgeschichte. Bezeichnend beginnt und schließt er den Film mit einem Blick auf die amerikanische Flagge. Diese Soldaten, diese blutverschmierten Körper und Gliedmaßen, die er uns präsentiert, sie liegen da „for the greater glory of our nation, our freedom“. Die unzähligen, weißen Kreuze auf dem Arlington National Cemetery präsentiert er uns als seine stillen Zeugen. Nur diese Zeugen erscheinen anonym, nicht fassbar, weil sie in einem Meer von Leidensgenossen liegen – das gibt ihnen eine einzige, repräsentative Identität. Aber liegen da nicht tausende von Einzelschicksalen? Menschen, Individuen, mit Gefühlen, Ängsten, Zweifeln, Stimmen? Oder ist es auch die Pflicht eines Soldaten keine Identität zu haben?
Natürlich weiß Spielberg auch darauf eine Antwort. Er präsentiert sie uns in Form des Soldaten James Ryan – nur, damit gibt er nicht den Namenlosen ein Gesicht, sondern uns – James Ryan – das sind wir, wie wir da sitzen und dem mörderischen Treiben in die Fratze blicken. Um ihn spinnt sich der Plot des Films, der schnell erzählt ist. Captain John Miller (Tom Hanks) erhält den Auftrag mit seinen Männern den Soldaten Ryan (Matt Damon) auszumachen, einen Fallschirmspringer, der innerhalb einer Woche seine drei Brüder verloren hat. Sie sollen ihn zurückholen, er darf nach Hause, so das milde Urteil der US-amerikanischen Armeeführung – seine drei Brüder mussten ihr Leben geben, damit seines geschont wird. Also, macht sich Miller mit einem kleinen Trupp auf, um den Jungen aus dem Grauen zu holen, das sich inzwischen in der Normandie breit gemacht hat. Spielberg führt uns durch Verwundetenlager, zerbombte Städte, explosions-erhellte Nächte. Unterwegs lichtet sich der kleine Stoßtrupp, Soldaten bleiben tot zurück. Ihr Zweifeln ist präsent: „Ist Ryan all dies Opfer wert?“ Schließlich finden sie ihn, in einer Totenstadt aus Staub und ausgebranntem Mauerwerk. Nur Ryan will nicht gehen, er bleibt und tut seine Pflicht. Ein deutscher Sturmangriff wird erwartet. Die Brücke der Stadt, so das oberste Gebot, müsse unbedingt gehalten werden – bis zum letzten Mann. Bezeichnend heißt der letzte Rückzugspunkt „Alamo“. Hier sackt auch Miller getroffen zusammen, als die Schlacht scheinbar verloren ist. Doch dann kommen Tiefflieger, die Kavallerie, die Deutschen sind geschlagen. Und Ryan ist gerettet. Er hat überlebt, als einer der Wenigen. Miller beschwört ihn mit seinem letzten Atemzug: „Earn it“ – „Verdien es dir“, dein Recht zu Leben. Dein Leben, das durch unseres gekauft wurde. Abgewogen wurde von irgendwelchen Kartenstrategen und Figurenschiebern weit ab der Front.
In diesem Moment sind wir Ryan. In diesem Moment manifestiert sich die ungeheure Botschaft des Films – der Krieg, das Gemetzel erhält durch unser Leben eine Berechtigung. Nur kann man Leben gegen Leben stellen? Eines geben, opfern, um ein anderes zu ermöglichen? Spielberg wäre nicht Spielberg, wenn er Miller nicht daran zweifeln ließe. Doch die Art wie er diesen Zweifel wegwischt ist ernüchternd. Am Ende des Films steht der gealterte James Ryan am Soldatengrab Millers, inmitten der ohnmächtigen Masse von Kreuzen – natürlich nicht allein. Er hat seine Familie dabei. Seine Frau, seine Töchter, Schwiegersöhne und Enkelkinder. Seine Augen voll Tränen fragt er seine Frau, ob er ein guter Mensch war, ob er sich sein Leben verdiente.
Und was ist mit den Namenlosen, die da liegen und die Szene bilden, sie gleichzeitig stumm betrachten? Hatten sie ihr Recht zu leben verwirkt? Wer hat sie ihren Familien entrissen, ihren Frauen, Töchtern, Schwiegersöhnen, Enkeln? Die Antwort ist einfach: es war der Krieg, mit all seinen Schrecken und Grausamkeiten. Das Leid, das schlimme Schicksal dieser Menschen und ihrer Angehörigen wird für diesen Film benutzt, nein ausgebeutet, um etwas zu feiern, das es gar nicht gibt: ruhmreichen, militärischen Heroismus.
Noch erschreckender sind die Kritiker, die den Film feiern – als „besten Kriegsfilm aller Zeiten“ – als Mahnmal. Denn wer bitteschön will, nachdem er die Bilder in „Private James Ryan“ gesehen hat, noch freiwillig in den Krieg ziehen? – Wer? Viele brave und mutige Männer, die der Illusion erliegen, dass Krieg eine Legitimation hat, selbst wenn sie für ihn ihr Leben opfern müssen. Dass Krieg gerecht ist, solange er für eine gerechte Sache ausgetragen wird. Sie, die an die Lieder und Paraden und Phrasen glauben, vom Heldentod und dem Dienst fürs Vaterland.
cms - Montag, den 08. Januar 2007
Schliepi - 10. Januar, 22:44
